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Kapitel   XXII

Ein hoher Berg, vor dem Tom steht,
felsig´ Platten in der Höh´;
der weit´re Weg steil aufwärts geht,

von droben kommt `ne eisig´ Bö.
Ein schwerer Aufstieg ist´s für Tom,
der Schweiß brennt ihm, als wären´s Flöh´.

Endlich auf dem Felsendom,
Gletscherzungen ~ schon in Sicht,
spürt er diesen starken Strom,

wie die Erdkraft zu ihm spricht.
Auch bemerkt er, gar nicht weit,
wie eine Frau gar darum ficht,

- *~ gestürzt durch Unaufmerksamkeit -,
zurück zum Wege zu gelangen.
Der erst´ Impuls, der sich macht breit,

ist, die Frau dort aufzufangen;
doch dann entbrennt ein kurzer Streit:
am Fels zu klettern ohne Bangen

hatt´ er nie Gelegenheit.
Doch er müht sich zu der Stelle,
leicht verspätet in der Zeit,

um zu helfen ihr zur Schwelle,
über der der Bergsteig liegt.
Als Tom ~ entfernt noch eine Elle,

ein Steinschlag auf ihn niederfliegt.
An der Hand die größten Wunden
hat auch das Bein was abgekriegt;

er ist von Kopf bis Fuß zerschunden,
weil er zauderte ein Stück.
"Das gehört gerecht verbunden,

am besten, wir geh´n jetzt zurück.
Wenn sich hier nichts infiziert,
dann hast Du wahr ein großes Glück.",

so die Frau ihn inspiziert.
Jedoch Tom weiß, es ist verkehrt,
wenn ins Tal er nun spaziert;

auch wenn sie´hn für verrückt erklärt,
sie müssen beide Richtung Eis;
er um die Red´ sich nicht mehr schert.

Sie sagt immer: "So ein Scheiß!",
kann ihn aber nicht verlassen.
Doch schon bald kommt der Beweis,

daß er konnt´ es richtig fassen:
*= als Unterschlupf `ne Felsenspalte,
sahen beide wahre Massen

- dazwischen auch der Donner hallte -
Hagelkörner niedergeh´n,
riesengroße, frostig kalte.

"Nicht mal Bäume richtig steh´n.",
vernimmt sogleich Tom von der Frau:
"Sicher wär´s um uns gescheh´n,

hätten wir nicht diese Sau,
auf diesem Berg `ne Höhl´ zu finden.
Nun sei aber selbst so schlau,

daß D´ Dich kannst nicht länger schinden;
geh´ wenigstens zum Kräutermann,
dort drunten bei den alten Linden."

Doch Tom treibt´s weiterhin bergan;
obwohl sie grübelt im Verstand,
der dieses nicht begreifen kann.

Als sie schon sind an einer Wand,
an der der Gletscher ständig nagt,
erblickt Tom eine blutig´ Hand,

die aus dem ew´gen Eis rausragt.
In eine Gletscherspalt´ verkrochen
eine Stimme ständig klagt,

* hat den einen Arm gebrochen,
und ~ arg vom Hagel zugerichtet.
Erst nach vielen langen Wochen

ist der Zustand so gelichtet,
daß der Mensch der Schmerzen bar ~.
Auf Helferslohn hat Tom verzichtet,

obwohl es eine Plage war,
den blut´gen Körper erst zu flicken,
dann zu schleppen ohne Karr´.

Nundenn, seine Augen blicken
auf alle Menschen, die gewesen ~
im gleichen Krankenhaus; sie nicken;

mit Hilfe Tom's sind sie genesen.
Es treibt ihn, daß er weitergeht.
Bald sieht er ein junges Wesen,

das am off´nen Fenster steht,
*~ dabei, die Brüste zu beringen.
Der inn´re Sinn: er meint, ja fleht,

sie möge aus dem Fenster springen,
um `ne Gefahr so abzubrechen;
doch es will ihm nicht gelingen,

diese Worte auszusprechen.
Darauf ein Mann zur Tür reinfällt
und beginnt, auf sie zu stechen;

er glaubte, sie hätt´ jenes Geld,
das er danach im Hemd entdeckt.
Sich fühlend wie ein schlechter Held,

hat das Leid an Tom geleckt,
* spürt genauso ihre Schmerzen.
Dies^ Erlebnis in ihm weckt

den Sinn dafür, das auszumerzen,
wo irdisch´ Denkweis´ mischt noch mit.
Noch mehr forschen in sein´m Herzen

ist in seinem Geist `ne Bitt´.
In den Wald führt ihn sein Pfad,
so schmal, daß niemand ihn betritt,

so eng, daß keiner fährt hier Rad.
Nach einer Weil´ wird er geschlagen,
gefesselt auch an Hand und Wad´.

Ein Räuber spricht mit Unbehagen:
"Was stell´ ich denn nur mit Dir an;
gehst Du frei, wird man Dich fragen,

bringst mein´n Diebstahl an den Mann;
schon hab´s * bereut vor langer Zeit,
doch zurück ich nicht mehr kann,

- die Tat ~ nicht in Vergessenheit."
Tom, der weiß, daß wahr er spricht:
"Ich sage Dir, bald bist * befreit;

ich bin nicht Dir das Gericht.
Ich bitt´ Dich, hab´ zu mir Vertrauen,
daß ich beende die Geschicht´.

Würd´st * mich noch einmal verhauen,
trotzdem würd´ * `s Versprechen geben
ohne Angst und ohne Grauen:

Dein Gewirk hier aufzuheben,
das Diebsgut selbst zurückzubringen,
damit Du wieder kannst ins Leben,

und zu lösen Deine Schlingen,
die Dich an den Erdsinn ketten."
"Ich wünsche Dir ein gut^ Gelingen,

wenn Du heimkehrst zu den Stätten,
die warten auf`s gestohl´ne Gut.
Danke, daß Du mich willst retten.

Nur achte, daß nicht diese Flut,
in der ich selbst ertrinken müßt´,
umreißt Dich wie einen Hut."

So sich Tom nun dafür rüst´t,
für den Diebstahl gradzusteh´n.
Auf einmal ihn das Mädchen küßt:

"Ich sagt´s, es gibt ein Wiederseh´n.
Gib das Diebsgut mir zur Hand,
mir fällt leichter dies Gescheh´n.

Doch erbitt´ ich mir ein Pfand:
auf der Brust an Deinem Herz
führest Du ein weißes Band;

tragen will ich´s stirnenwärts,
damit der Wind nicht `s Haar verweht.
Beim nächsten Treffen gibt´s `ne Kerz´."

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