Home [Alt] + [h]

Die Wunderblume

Es war einmal eine Königstochter, die saß liebend gerne in ihrem Zimmer am Fenster und spielte mit den frechen Spatzen, denn diese waren ihre einzigen Spielgefährten. Und sie blickte oft sehnsüchtig zum Wald hinüber, den sie von ihrer Kammer aus sah, weil sie erblickte da eine gar mannigfaltige Tier- und Pflanzenwelt. Sie wollte gerne einmal hinwandern, doch ihre Eltern erlaubten es nicht, denn es gab ja auch Wölfe und andere Ungeheuer, die ihrer Tochter etwas anhaben könnten. Daher begnügte sich die Königstochter mit den Spatzen, aber ihre stille Sehnsucht blieb ungestillt, was sie oft traurig machte.

Eines Tages, als sie gar recht traurig war, kam ein schöner bunter Vogel zum Fenster und fragte sie nach ihrem Kummer. Als er diesen hörte, gab er folgenden Rat: "Wenn die Sonne im Versinken ist, dann nimm Deine Tränen und spritze sie mit Deinen Händen vor Deinem Fenster in die Luft, und Du wirst einen Weg finden. Er wird immer bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang erscheinen." Und schon war der schöne Vogel weg.

Die Königstochter wartete, bis es Abend war, und hatte viele Tränen gesammelt. Diese spritzte sie nun in die Luft, - und siehe da -, die Sonne beleuchtete einen wunderschönen Regenbogen, der vom Fenster zum Waldesrand reichte. Auf diesem ging sie nun hinüber zu den Tieren, die in der Dämmerung aus dem Wald herauskamen, und spielte mit ihnen.

Unter ihnen war auch ein liebliches weißes Einhorn, mit dem sich die Königstochter sofort anfreundete, und bei dem sie in der anschließenden Nacht schlief.
Morgens kehrte sie auf der Regenbogenbrücke glücklich in ihr Zimmer zurück, zerwühlte kurz ihr Bett, damit es aussah, sie hätte darin geschlafen, und ging zum Frühstück.

Von nun an ging sie jeden Abend über die Brücke zu den Tieren, schlief beim Einhorn und kehrte jeden Morgen freudvoll zurück.

Aber mit der Zeit meldete sich ihr schlechtes Gewissen, daß sie alles heimlich machte, und sie erzählte es ihren Eltern. Diese waren erzürnt über ihren Leichtsinn, wo doch im Wald so viele Gefahren lauerten. Sie vernagelten die Fenster und wiesen ihrer Tochter ein Schlafgemach im tiefsten Geschoß ganz ohne Fenster zu.

Dies machte die Königstochter gar recht traurig, und sie weinte Tag und Nacht. Und niemand von den Dienern und Gästen konnte sie trösten.

Als sie nun schon wochenlang geweint hatte, bemerkte sie in den Wasserpfützen, welche von ihren Tränen herrührten, ein paar grüne Grashalme aus dem Steinboden sprießen. Und es wurden immer mehr, bis auch Bäume kamen, welche die Steinmauern bersten ließen, sodaß vom Schloß nur mehr einige Gesteinshaufen mitten in einem Wald übrig blieben. Die Königstochter war überglücklich, als nun Tiere und das weiße Einhorn zu ihr kamen.

Doch große Traurigkeit befiel sie, als sie sah, daß ihre Eltern, ganz entsetzt über die Veränderung, von einem Wolfsfuchs verschleppt wurden.

So machte sie sich mit ihrem Einhorn auf die Suche nach ihnen; nach einigen Tagen entdeckten sie sie in der Höhle des Wolfsfuchses, wo sie für diesen arbeiten mußten. Durch ein kleines Loch gelangten die Königstochter und das Einhorn in den Hintergrund der Höhle und überlegten, wie sie die Eltern von ihrer entwürdigenden Arbeit weglocken könnten. Da ertönte ein schwermütiges Lied, das von gewaltigen Anstrengungen für ein Ziel erzählte. Die Königstochter ging mit ihrem Einhorn einen schmalen Tunnel entlang, der vom hintersten Winkel der Höhle in den Berg hineinführte, und das Lied folgte; und in einiger Entfernung folgten die Eltern diesem Lied, bis sie alle auf einer Bergspitze herauskamen.

Von dort blickten sie ins Tal hinunter und sahen, wie sich dort viele Wölfe gegenseitig zerfleischten. Die Königstochter sprach zu ihren Eltern: "Ihr seht, wie im Tal die Wölfe einander töten. Wenn Ihr dies weiter ansehen wollt, müßt ihr immer hierbleiben. Ich werde nun mit meinem Einhorn von hier fortgehen, aber ich gebe Euch hier eine Wunderblume. Wenn Ihr diese längere Zeit betrachtet, ohne ins Tal zu sehen, werdet Ihr mir nachfolgen können." Und sie gab ihnen eine wunderschöne, weiß strahlende Blume, setzte sich auf ihr Einhorn und ritt mit ihm auf einer Luftbrücke davon in ein strahlendes Licht.

Home [Alt] + [h]