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Die Blume aus Stein

Es war einmal eine Tänzerin, die zog mit einer Komödiantengruppe durch die Lande und gab mal hier, mal dort eine Vorstellung. Die Menschen applaudierten ihr überall, wo sie hinkam, denn sie war eine wirklich gute Tänzerin. Und sie war glücklich, daß sie ihnen etwas Freude und Schönheit in das meist arme Dasein bringen konnte.

Aber sie war auch traurig, daß sie diese Freude für höchstens eine Stunde am Tage verbreiten konnte und die übrigen Zeiten mit Flickarbeiten oder Wäsche waschen verbringen mußte, denn ihr fiel in der Komödiantengruppe die Aufgabe zu, für ordentliche Kleider zu sorgen. Und da die Kostüme schon alt waren, gab es Arbeit genug.

Als nun die Tochter des Komödiantensprechers alt genug war, die Rolle der Tänzerin zu übernehmen, entschloß sie sich, allein weiterzuziehen. So verabschiedete sich in einem kleinen Dorfe die Tänzerin von der Gruppe und schlug eine andere Richtung ein. Überall, wo sie Menschen traf, tanzte sie und verzauberte mit ihrer Anmut die Herzen der Zuschauer. Diese lohnten es ihr oft mit etwas Nahrung, einer Unterkunft für die Nacht oder manchmal mit ein paar Münzen. Und die Tänzerin war glücklich, wenn sie Freude in den Augen der Leute sah.

Dieses Leben wäre wohl bis an ihr Lebensende so weitergegangen, doch eines Tages kam sie in ein anderes Königreich, wo Arbeit und Leistung als Ziel des Lebens galten.

Sie tanzte genauso gut und gerne wie vorher, aber die Menschen dort, wenn sie sie überhaupt beachteten, warfen ihr nur mißbilligende Blicke zu. Und je weiter sie ins Land hineinkam, umso verschlossener wurden die Leute. Dies ging manchmal sogar soweit, daß sie aus einigen Dörfern mit Steinen davongejagt wurde, weil sie nach deren Meinung keiner anständigen Arbeit nachging und somit keine Daseinsberechtigung hatte.

Natürlich sprach sich die Geschichte von einer Tänzerin, die einfach nur tanzte und sonst nichts arbeitete, auch bis zum König durch. Dieser war erzürnt, daß es in seinem Königreich jemanden gab, der nichts leistete, und er schickte seine Schergen aus, die Tänzerin zu fangen und vor den Richter zu bringen.

Dies war alsbald geschehen, und der Richter fragte sie, warum sie keiner anständigen Arbeit nachging. Als er hörte, daß im Lande der Tänzerin jede künstlerische Tätigkeit seine Daseinsberechtigung hatte, weil dadurch Herzensfreude verbreitet würde, war er sehr besorgt, daß diese Ansicht im Lande Anhänger finden könnte. Denn was sollte aus dem Lande werden, wenn die Menschen nicht mehr glaubten, daß Freude nur durch harte Arbeit zu erreichen ist? Würden dann die Leute nicht ihre Arbeit niederlegen?

Also ließ der Richter die Tänzerin in das allerdunkelste Verließ sperren. Ein Stück Brot wurde täglich durch eine Luke hinuntergeworfen; Wasser gab es genug, da ein kleines Rinnsal durch das Verließ floß.

Da war sie nun, die Tänzerin, und fragte sich immer wieder, wie sie den Menschen in diesem Lande helfen könnte, denn sie hatte gesehen, daß sie trotz ihrer Freude nach einer schweren Arbeit im Herzen doch nicht glücklich waren.

Um nicht aus der Übung zu kommen, und weil es ihr selbst Freude bereitete in dieser tristen Umgebung, tanzte sie vom Aufstehen bis zum Niederlegen. Sogar das Stück Brot aß sie tanzend. Nach einigen Tagen bemerkte sie, daß eine Lichtgestalt mit ihr mittanzte, und je mehr sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten, umso deutlicher nahm sie diese wahr.

Dann versuchte sie, mit der Gestalt zu sprechen, und wirklich, sie bekam eine Antwort, ganz leise nur. Eine Antwort auf ihre dauernde Frage.

"Geh zum Zaubersee und befreie ihn aus seiner Verbannung, und die Menschen werden wieder glücklich sein." Daraufhin fragte die Tänzerin, wo denn der Zaubersee läge, und wie sie dort hinkäme, und sie hörte die Antwort: "Der See liegt oben in den Bergen; Du brauchst nur dem alten, ausgetrockneten Flußbett zu folgen, denn der See war früher dessen Quelle. Doch die Menschen haben sich einen künstlichen Fluß geschaffen und diesen vertrocknen lassen." "Und wie komme ich hier heraus?", fragte die Tänzerin. "Halte Dich an mir fest, und ich verwandle Dich für kurze Zeit in eine Lichtgestalt.", hörte sie.

War das ein herrliches Gefühl, Licht zu sein und alles durchdringen zu können. Doch bald kehrte sie in ihre frühere Gestalt zurück, und sie machte sich auf den Weg.

Das trockene Flußbett war bald gefunden, welchem sie viele Tage lang folgte, bis sie hoch in den Bergen vor einer unüberwindlichen Mauer stand. Nur wirklich Geübte konnten die Felswände, wo die Mauer an die Berge grenzte, hochklettern. Mit viel Mut und einigen vergeblichen Bemühungen schaffte es die Tänzerin hinauf.

Dort, auf der anderen Seite der Mauer, erblickte sie einen lieblichen See, wie sie noch nie zuvor einen gesehen hatte. Im Nu war sie an dessen Ufer und berührte das herrlich blaue Wasser.

Da kam auch schon eine Friedenstaube geflogen und erzählte ihr von den Herrlichkeiten des Zaubersees und bot ihr für immer eine Unterkunft an seinem Ufer an. Doch die Tänzerin erinnerte sich der glücklosen Menschen und fragte nach einem Weg, den Zaubersee aus seiner Verbannung zu berreien.

Die Friedenstaube sprach: "Es gibt nur einen Weg. Du mußt die Blume aus Stein im Bergesinneren finden und damit gegen die Mauer klopfen. Dann wird diese niederbrechen und Zauberwasser kann wieder ins Tal strömen. Zu einem Eingang in den Berg kann ich Dich führen, den weiteren Weg mußt Du selber finden."

Die Tänzerin folgte der Friedenstaube zu einem Höhleneingang. Dort verabschiedete sie sich und ging ins Bergesinnere. Schon nach wenigen Schritten wurde sie von einigen Zwergen festgenommen und vor deren König geführt. Dieser war wenig erfreut, einen Menschen zu sehen, da ihm doch diese Rasse so viele Schätze aus den Bergen raubte, und es sehr viel Mühe bereitete, einen Kristall entstehen zu lassen. Aber da er ein gütiger König war, hörte er sich das Anliegen der Tänzerin an. Und sie prophezeite ihm auch, daß die Menschen weniger in die Berge eindringen würden, wenn sie vom Zauberwasser zu trinken bekämen, weil glückliche Menschen nicht mehr habgierig wären.

Das war eine Zukunftsaussicht, die dem Zwergenkönig besser gefiel als seine derzeitige, und so führte er sie zu einem Lavasee, über den eine Brücke führte, die schmäler als ein Seil war. Dort sprach er zu ihr: "Nach unseren Legenden soll auf der anderen Seite des Sees die Blume aus Stein sein. Mehr kann ich nicht sagen, denn noch kein Zwerg schaffte es, darüber zu gehen Viel Glück!"

Da fing sie an, über die schmale Brücke zu tanzen mit der Erinnerung an das Seiltanzen, das sie schon in ihrer Kindheit gelernt hatte. Mit einigen leichten Schwierigkeiten gelangte sie ans andere Ufer des Lavasees. Dort erwartete sie eine weißgekleidete, Licht ausstrahlende Frau mit einer blauen Blume in der Hand. Sie sprach: "Dies ist die Blume aus Stein. Riech an ihr, und Du bist am Ort Deiner Wünsche. Klopf mit ihr an ein Hindernis, und es fällt darnieder. Dreh sie im Kreis, und sie verbreitet Licht und Freude. Nimm sie, Du hast sie verdient. Doch ich warne Dich auch: verwende sie nicht zu Deinem eigenen Vorteil in irgendeiner Angelegenheit, denn dann wird sie Dir entschwinden."

Behutsam nahm die Tänzerin die blaue Blume an sich und betrachtete ihre Schönheit eine Weile. Dann bedankte sie sich bei der weißen Frau, roch an der Blume und war alsbald am Zaubersee, wo die Friedenstaube sie auch gleich begrüßte.

Sie klopfte mit ihrer Blume unverzüglich nach ihrer Ankunft an die Mauer, und sogleich fiel diese in sich zusammen, sodaß Zauberwasser vom See wieder zu Tale fließen konnte.

Eine kleine Weile blieb die Tänzerin noch an diesem schönen Orte, dann ging sie wieder in die Welt hinaus.

Und noch heute begegnet man da und dort einer tanzenden Frau, die mit einer blauen Blume aus Stein an die Herzen der Menschen klopft, damit das Licht eindringen kann; und mit ihren anmutigen Bewegungen und Drehungen verbreitet sie Freude, begleitet von einer Friedenstaube, die dazu die schönsten Lieder singt.

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