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Mira und Rosalia

Es war einmal eine kleine Blumenelfe, die lebte glücklich und zufrieden im Lande der lilafarbenen Blüten.

Manchmal kamen Reisende durch das Land; und es waren immer einige dabei, die Blumen mithatten -- rote, gelbe, weiße, ... Die Blumenelfe, Mira nannte man sie, konnte nicht verstehen, warum die Leute so bunte Blumen hatten, wo sie doch schon immer lila waren und lila zu sein hatten. In der Nacht, wenn alle schliefen, tat sie dann ihr Werk und färbte alle Blüten lila. Die Reisenden, die morgens aufwachten, wunderten sich zwar zuerst, aber sie waren auch sehr zufrieden, denn lila Tulpen oder Nelken brachten in anderen Ländern viel Geld ein.

Das ging so weiter, bis eines Tages ein kleines Mädchen namens Rosalia mit einer wunderhübschen zartrosa Heckenrose ins Land kam. Natürlich färbte Mira die Rose in der Nacht lila, denn sie hatte schon den Glauben, all die Leute kämen ins Land, um von ihr die abartigen Blumen wieder in Ordnung bringen zu lassen. Und die Blumenelfe blieb am Morgen immer so lange, bis sie die Freude auf den Gesichtern der Reisenden sah. Doch diesmal geschah alles anders: Als Rosalia am Morgen erwachte war sie zuerst erschrocken, und dann weinte sie fürchterliche Tränen, daß ein ganzer See am Boden entstand.

Darauf war die Blumenelfe nicht vorbereitet, aber da sie ein gutes Herz hatte, ging sie zum Mädchen, um es zu trösten. Da auch Rosalia ein gutes Herz hatte, war sie der kleinen Mira für ihren Irrtum nicht böse. Sie lud sie sogar ein, eine Zeitlang mit ihr zu reisen, um all die vielfältige Pracht der Blumen in anderen Ländern kennenzulernen.

Mira willigte auf diesen Vorschlag gerne ein, und so zogen sie gemeinsam dahin und erfreuten sich an der Natur.

Eines Tages, sie waren schon eine geraume Weile unterwegs, kamen sie in ein dunkles Königreich. Alles war schwarz, von den Häusern bis zu den Pflanzen. Nur manchmal sah man einen leichten grünlichen oder bräunlichen Schimmer. Auch die Menschen waren sehr dunkel und traurig.

Überhaupt fand man nirgendwo irgendetwas Fröhliches.

Mira versuchte natürlich, wenigstens ein paar Blumen lila zu färben, was sie schon in ihrer Kindheit meisterhaft beherrscht hatte. Doch diesmal versagten ihre Kräfte.

Die Leute in diesem Land sprachen zwar sehr wenig, doch nach und nach hörten die beiden doch einiges:

Das Königreich wurde beherrscht von einem Drachen, der alles, wo doch einmal etwas Buntes die Düsternis durchbrach, verbrannte, bis es schwarz wurde. Der Drache hatte auch einen Gehilfen, dann allein wäre es zu schwierig, ein so großes Reich wie dieses hier zu verwalten. Dieser Gehilfe war ein Gespenst, das gedankenschnell reisen konnte, und dem kein Mensch etwas anhaben konnte, da es nicht verwundbar war. Seine Aufgabe war es, sowohl Neuigkeiten als auch Obsidiansteine, nach denen die Menschen graben mußten, zu seinem König, dem Drachen, zu bringen.

Mira und Rosalia erfuhren auch, daß es an einem einzigen Tag im Jahr verboten war zu arbeiten. Da mußte sich jeder einsperren und die Fenster mit schwarzen Tüchern verhängen, denn an diesem einen Tag stand der Mond über dem Land, und den konnte der Drache nicht schwärzen. Die Menschen begrüßten diese Regelung, weil so konnten sie wenigstens einen Tag von der schweren Arbeit des Grabens nach Steinen ausruhen.

Mira und Rosalia färbten sich die Haare schwarz und kleideten sich auch in dieser Farbe, um nicht aufzufallen, und sie machten sich auf den Weg zum Königsschloß. Vielleicht könnten sie den Leuten auf irgendeine Art und Weise helfen?

Als sie nach einer langen Reise zum Schloß, das eine riesige Burg war, kamen, stand der Tag bevor, an dem der Mond über dem Land hing. Jedermann war in fieberhafter Eile damit beschäftigt, Öffnungen, Ritzen und Spalten zu verhängen, daß ja kein Licht eindringen konnte. So fielen die beiden niemandem auf, als sie ins Schloß gingen und sich mit den Räumen etwas vertraut machten. Nur einmal wären sie beinahe zu Tode erschrocken, als sie in den Thronsaal kamen und den fürchterlichen, riesigen Drachen erblickten.

Kurz bevor sich nun alle Leute in die Räume zurückzogen, schlüpften die beiden schnell auf das Dach hinaus, um dieser totalen Finsternis drinnen zu entrinnen. Nach einigen Stunden ging der Mond auf, und das Paar freute sich so sehr über das helle, gelblichweiße Licht, daß ihre Herzen ganz von Liebe und Sehnsucht überströmten.

In diesem Mond lebte ein altes Mondmännlein, Kazian war sein Name. Zuerst war Kazian erstaunt, als er die Signale von Liebe und Sehnsucht empfing, doch dann steuerte er seinen Mond sofort in die Richtung, aus der dies gesandt wurde. So kam er auf das Dach zu Mira und Rosalia und erzählte ihnen seine Geschichte:

Vor langer, langer Zeit, als Kazian noch jung war, und sein Ururgroßvater noch lebte, war der Drache, der dieses Land beherrschte, ein schöner Prinz, dessen Fehler es war, überaus eitel zu sein und zudem noch sehr nachtragend, wenn jemand etwas Falsches tat. Dieser Prinz hatte eine hübsche Prinzessin gefunden und war in Liebe zu ihr entbrannt. Die Hochzeit stand schon fest, da nannte ihn die Prinzessin einmal im Spaß einen eitlen Gockelhahn, der sich hinter lauter Masken versteckte.

Der Prinz war darüber so sehr in seinem Stolz verletzt, daß er die Dunkle Macht anrief und sie darum bat, Rache auszuüben. Die Prinzessin wurde daraufhin in schwarzen Obsidian verwandelt, doch auch der Prinz, in der Magie sehr unerfahren, mußte seinen Preis zahlen. Er verlor sein Herz an die Dunkle Macht und war nunmehr dessen Werkzeug. Nach und nach wurde er dann in einen Drachen verwandelt.

Doch natürlich war auch eine Rettung möglich. Nämlich der Mond von Kazian funktionierte auch als Spiegel, und wenn sich der Prinz darin erblickte und erkannte, könnte er sich befreien. Aber Jahr für Jahr steuerte Kazian seinen Mond schon jahrhundertelang über das Land und fand niemals Einlaß in das Schloß. Und endlich, fast am Ende seiner Lebenszeit, bot sich jetzt eine Gelegenheit für Kazian, hineinzugelangen.

Mira und Rosalia suchten daraufhin nach einer Tür, die unversperrt war, doch es dauerte eine geraume Weile, bis sie eine fanden. Mit furchtsamen Herzen gingen sie in den Thronsaal; dort stellten sie erfreut fest, daß der Drache schlief. Zuerst kletterten sie hinter einen schwarzen Vorhang und öffneten eines der riesigen Fenster einen Spalt breit. Dann machten sie sich daran, den Vorhang herunterzureißen, was gar nicht so leicht war. Am Ende fielen sie unter lautem Getöse mit allen Stoffbahnen auf den Boden.

Der Drache erwachte natürlich über diesem Lärm, doch es war schon zu spät, denn das Mondmännlein steuerte bereits seinen Mond durch das große Fenster, das nun ganz offen stand. Kazian mußte seinen Mond sogar schräg stellen, damit er durchging. Als der Drache in den Mond blickte, gab er ein krächzendes Ächzen von sich. Dann folgte ein Schrei, und ein Erdbeben erschütterte die Gemäuer des Schlosses.

Der Prinz erkannte seine wahre Gestalt mit allen seinen Fehlern im Spiegelbild des Drachen, und die Dunkle Macht hatte keine Gewalt mehr über ihn. Helles Licht überstrahlte das ganze Königreich, und auch die Prinzessin von damals wurde aus ihrem Stein erlöst. Doch es würde sicher noch etwas Zeit brauchen, bis der Prinz seinen ursprünglichen Körper wiedererlangte, und die Natur mit ihren vielen Farben das Schwarz verdrängte.

Kazian dankte Mira und Rosalia, daß sie ihm bei der Erfüllung seiner Lebensaufgabe geholfen hatten, und als Abschiedsgeschenk gab er ihnen einen Ring, mit dem sie Licht und alle Farben herbeiholen konnten.

So kam es, daß nun Mira und Rosalia gemeinsam durch die Welt ziehen, um dort Licht und Liebe zu verbreiten, wo es benötigt wird. Und manche Menschen, die ein Auge dafür haben, können ihre Gestalten über die Lande wandern sehen.

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