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Der Müllerssohn auf der Suche nach Unbegrenztheit

Es war einmal ein Volk, das konnte nicht in andere Gegenden reisen, weil ihr Land von einem Feuerring umgeben war, den kein Mensch durchdringen konnte. Nur einige Vögel konnten darüber hinwegfliegen und Kundschaft aus der Fremde bringen.

Die Leute waren damit zufrieden, ihrer täglichen Arbeit nachzugehen, ihre kleinen Feste zu feiern und von fernen Königreichen nur aus Erzählungen zu wissen. Hatten sie doch auch den Vorteil, daß kein Bösewicht ins Land reisen konnte.

Eines Tages aber sprach der Sohn eines Müllers zu seinem Vater: "Ich möchte gerne die anderen Welten mit eigenen Augen sehen. Wenn ich einen Ausgang aus unserem Land finde, lasse ich dort einen Wächter zurück, damit unser Reich weiterhin geschützt bleibt." Der Müller gab ihm seinen väterlichen Segen und ein kleines Goldkreuz an einem Halsband als Andenken.

Am nächsten Morgen begann er seine Wanderung. Zuerst suchte er den Papagei auf, um ihn nach einer Lösung zu fragen, wie man den Feuerring überwinden könnte. Jedoch auch die Erfahrungen und Weisheiten aus der Fremde halfen nichts, denn kein Bodenwesen konnte hoch genug fliegen, um über das Feuer zu gelangen. Auch hatte man schon tiefe Löcher gegraben, aber man konnte nach unten auch keine Grenze finden. Sogar mit Schutzanzügen hatte man schon probiert, hindurchzugelangen, doch die armen Wesen waren allesamt schon nach einer Fußlänge des Hineinschreitens umgekommen.

Daraufhin ging der Müllerssohn zum einzigen Berg des Landes, der eigentlich nur ein großer Hügel war, um mit dem dort lebenden Zwerg, mit dem er sich angefreundet hatte, zu diskutieren. Doch auch hier fand sich keine Lösung. Er konnte nur den Rat befolgen, mit dem Wurzelmann, der auf der Bergesspitze lebte und sehr weise war, zu reden.

Nach seiner Ankunft beim Wurzelmann mußte der Müllerssohn lange warten, bis dieser sich aus seiner Versenkung gelöst hatte und bereit war, mit ihm zu sprechen. Das Anliegen war rasch vorgetragen, doch die Antwort ließ wieder lange auf sich warten. Am Ende machte der Wurzelmann den Vorschlag, er könne ihn in einer Wurzel bis zum Erdmittelpunkt mitnehmen; wie er von dort weitergelange, wisse er allerdings nicht.

Nachdem der Müllerssohn die Zusicherung hatte, daß er im Notfall mit der Wurzel wieder zurückkommen könne, entschied er sich für diesen Weg. Wenn er bei der Reise nicht viel geschlafen hätte, wäre es ihm sehr langweilig geworden, denn die Geschwindigkeit war relativ langsam, und der Weg weit. Schließlich gelangte er aber doch beim Erdmittelpunkt an.

An diesem Ort, eine große Höhle, stand er einer Frau gegenüber, die nach seinem Vortrag zu ihm sprach: "Es gibt eine Lösung für Dein Begehren. Ich kann sie Dir geben, wenn Du drei Aufgaben zu meiner Zufriedenheit löst. Doch wisse auch, daß Du zu Stein erstarrst und unendlich schwer wieder erlöst werden kannst, wenn Du auch nur eine davon nicht richtig machst." Nach reiflichem Überlegen entschied er sich für die Aufgaben.

Die erste war, daß er ihr seinen wertvollsten Besitz gebe. Das war nicht schwer für ihn, da er außer dem goldenen Kreuz fast nichts besaß.

Als nächstes sollte er einen häßlichen Wurm zerdrücken, der manchmal in einer Felsnische rumorte. Doch da der Wurm niemandem etwas getan hatte, und der Müllerssohn noch kein Lebewesen absichtlich getötet hatte, konnte er sich nicht dazu überwinden. Als die Frau einmal mit dem Rücken zu ihm stand, versteckte er ihn am freien Platz seines Halsbandes in der furchtsamen Erwartung, jeden Augenblick zu Stein zu werden.

Zu seiner Überraschung erklärte sie ihm die dritte Aufgabe: Er sollte in einen See mit eiseskaltem Wasser steigen und drei Tage bis zum Kopf darinnen bleiben, ohne auch nur einen Finger herauszuheben. Nun war es dem Müllerssohn gewiß, daß ihn die Kälte zu Stein werden lassen würde; trotzdem stieg er in die eisige Brühe, da er zu seinem Wort stehen wollte.

Und die Kälte plagte ihn mit Schmerzen, daß er fast die Besinnung verlor. Er wunderte sich nur, daß der Wurm an seinem Halsband ihn mit soviel Wärme speiste, daß er gerade noch lebendig blieb.

Nach den drei Tagen ging er ganz erstarrt an Land und hörte, noch ganz benommen, die Rede der Frau: "Du klebst nicht an irdischem Besitz; Du schützt das Leben, auch wenn es zu Deinem Nachteil wäre; Du läßt Dich nicht beeinflussen, wenn Dir das Gewissen Anderes gebietet; Du stehst zu Deinen Werten und nimmst die Konsequenzen aus Deinen Handlungen an, ohne ungerecht dagegen anzukämpfen; Du hast Mut und bist bereit, große Schmerzen zu ertragen, welche Du bekamst, weil Du mir die Rettung des Wurms verschwiegen hast und nicht offen mir gegenüber für sein Leben plädiert hast; und Du hast Ausdauer, Unangenehmes längere Zeit auf Dich zu nehmen.

So gebe ich Dir denn nun ein Zauberschwert, das Dir alle Wege öffnet. Strecke es vor Dir aus, und kein Element der Erde kann Dir etwas anhaben. Außerdem kannst Du jedesmal ein Lebewesen auf Deinem Rücken mitnehmen, wenn Du einen normalerweise unpassierbaren Weg beschreitest."

Der Müllerssohn bedankte sich in tiefer Liebe für dieses einzigartige Geschenk. Dann hielt er es vor sich und durchschritt Felsen und Erde, um an die Oberfläche zu gelangen.

Dort lebt er nun als Fährmann durch den Feuerring, als Vermittler zwischen fernen Königreichen und als Ratgeber für die Völker.

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