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Die Elfe und der Bär

Es war einmal ein Elfenkind, das wohlbehütet zu Hause aufwuchs. Als es erwachsen wurde, wollte es die Welt kennenlernen und ging aus seiner Heimat fort.

Unterwegs gab es viel zu bestaunen: Faune erzählten der kleinen Elfe lustige Geschichten; einige Tiere wollten mit ihr spielen; die Wichtelmänner machten vor ihr ständig Purzelbäume; und die Waldfee beschenkte die mit schönen Kleidern.

Also zog die Elfe offenen Herzens immer weiter und erfreute sich an all den liebevollen Begegnungen. Einige Freundschaften gingen soweit, daß die Wesen sie auf der weiteren Reise begleiten wollten. Nur wenige nahm sie mit, damit die Schar nicht zu groß würde: Ein kleiner blauer Vogel flog meistens voran und kündigte sie mit seinem schönen Gesang an. Ein Blumenelf sorgte dafür, daß alle Blüten in den prächtigsten Farben strahlten. Ein Häschen machte ständig Luftsprünge mit Salto vorwärts und rückwärts. Ein Schweinchen führte sie oft zu den besten Leckerbissen. Auch eine weiße Maus und noch andere Tiere waren in ihrer Schar. Besonders angetan hatte es ihr ein alter Braunbär, der sie wärmen konnte, wenn es kalt war, und auf dem sie reiten konnte, wenn sie müde war. Außerdem wußte er einiges von der Welt.

Eines Tages kamen sie in eine Gegend, wo auch Menschen wohnten. Manche waren freundlich, aber nicht besonders; manchen waren sie egal. Es gab auch manche, die sie mit viel Lärm aus Gebieten verjagten, die sie als ihren Besitz ausgaben.

So gelangte die Elfe mit ihren Freunden zu einem Dorf mit einem herrlich anzusehnden Schloß. Der Prinz, ein stattlicher Mann, machte ihr schöne Augen, und sie folgte ihm in sein Reich. Auf ihre Bitten hin durfte sie auch ihre Begleiter mitnehmen. Sie wurde verwöhnt, und die Dienerschaft erfüllte ihr alle Wünsche. Doch bald merkte sie, daß ihre Tiere immer weniger wurden, bis keines mehr da war. Daher begab sie sich auf die Suche nach ihnen; sie waren aber im ganzen Schloß nirgends zu finden. Und als sie nach einem Weg aus der Burg hinaus forschte, konnte sie keinen entdecken. Das einzige andere Wesen, auf das sie stieß, war ein Friedensengel, der im hintersten Verließ eingesperrt war. Dieser erzählte der Elfe von dem großen Trugbild, das der Prinz aufrecht erhielt. Kein einziger Mensch im ganzen Schloß und auch nicht im Dorf war wirklich frei. Alle mußten sie nach den vielen Gesetzen handeln, die er als Herrscher aufstellte, und wenn doch einmal jemand dagegen agierte, war die Strafe fürchterlich. Das Schrecklichste aber war, daß die Leute nicht einmal wußten, daß sie alle nach seiner Pfeife tanzten, denn der Prinz war auch ein Meister der Magie und konnte seinen Untertanen Gedanken, Gefühle und Vorstellungen schicken, ohne daß sie merkten, daß sie nicht selbst die Urheber dafür waren.

Die Elfe war über diese Kenntnis so erzürnt, daß sie ihren Gastgeber sofort zur Rede stellen wollte. Leider hatte sie nicht mit seiner Macht gerechnet. Denn jeder, der sein Trugbild durchschaute, mußte isoliert werden, und ehe sie sich versah, landete die Elfe im Verließ neben dem Friedensengel.

Nun begannen sehr traurige Stunden, als plötzlich eine Blüte in ihren Schoß fiel. Der Blumenelf hatte sie gefunden, denn er war der einzige, der von Wächtern nicht gesehen werden konnte.

Die Elfe war ganz aufgeregt, mehr über ihre Freunde zu erfahren, doch dach dem Gespräch auch ganz erschrocken und fast verzweifelt: Der kleine blaue Vogel war eingesperrt in einem goldenen Käfig und mußte den ganzen Tag lang singen. Das Häschen war bei einem Gaukler und mußte ständig aus dem Zylinderhut raus und rein. Das Schweinchen wurde gerade gemästet für ein Erntedankfest. Die weiße Maus war bei einem Wissenschaftler und mußte giftige Pillen schlucken. Der Ziege wurde immer soviel Blut entnommen, daß sie gerade noch überlebte, um irgendwelche Mittel herzustellen. Die Libelle war gar schon tot wegen Unnützlichkeit. Der Hund war vor einen Wagen gespannt, den er ziehen mußte, wenn er nicht die Peitsche spüren wollte. Und auch die anderen Tiere hatten ein erbärmliches Dasein. Einzig der Bär war noch frei, denn die gewöhnlichen Menschen fürchteten sich vor ihm; doch mußte er ständig auf der Hut vor den Jägern sein. Auch war er sehr schwermütig, weil er seine geliebte Elfe nicht finden konnte.

Mit seiner Hilfe wollte man versuchen, die Elfe aus dem Gefängnis zu befreien, da sie nun endlich gefunden ward. Es war gar nicht leicht für den Bären, ein Loch in die Mauer zu reißen, obwohl er Riesenkräfte hatte, aber nach einer anstrengenden Nacht gelang es doch. Schnell entschlüpfte die Elfe aus dem Schloß, und gemeinsam flüchteten sie aus dem Dorf.

Als sie weit genug entfernt waren, überlegten sie, wie sie den anderen Freunden und dem Freidensengel helfen könnten. Guter Rat war jetzt wahrlich teuer.

Der Bär kannte eine uralte Legende, bei der man jedoch auch auf fremde Hilfe angewiesen war. Sie beschlossen, diesen beschwerlichen Weg zu gehen, da er die einzige Hoffnung bot. Der Blumenelf sollte einstweilen bis zu ihrer Rückkehr auf die anderen achtgeben.

Als erstes mußte der Feuervogel gerufen werden, denn davon hing das ganze Gelingen ab. Die Elfe hatte noch zwei Festgewänder, Geschenke von der Waldfee, die sie und der Bär überstreiften. Anschließend setzten sie sich einander gegenüber, hielten sich an den Händen und stimmten einen gemeinsamen Gesang an, der drei Tage und Nächte lang währte. Dann hörten sie ein Rauschen, und eine Feuerglut umfing sie, ohne sie zu verbrennen. Sie hatten es geschafft, den Feuervogel zu rufen, denn nur dieser kannte den Weg, der sie zu ihrem Ziel brachte.

Gemeinsam gingen sie los, doch bald schon lag die Elfe auf dem Rücken des Bären, da ihre Kräfte verbraucht waren. Dieser stieg einen Berg hinan, so hoch, wie ihn noch nie ein Mensch gesehen oder sich auch nur vorgestellt hat. Wäre die Elfe nicht bei ihm gewesen, hätte der starke Bär mit Sicherheit irgendwo am Weg aufgegeben. Auch die Einhörner in manchen Gegenden ermunterten sie zum Weiterwandern.

Nach endlosen Mühen erreichten sie die Bergspitze, wo sie auf viele Welten hinunterblicken konnten.

Nun begann die eigentliche Aufgabe der Elfe, die bis hierhin die meiste Zeit getragen worden war: Nur sie konnte den verborgenen Zauberkristall heben, da ihn sonst niemand sehen konnte.. Nachdem sie sein Leuchten entdeckt hatte, forderte es all ihre Anstrengungen, ihn zu bergen.

In diesem Kristall war all das Wissen gespeichert, das die Welt ausmacht, und diese Gewißheit, die daraus entsprang, gab der Elfe die Kenntnis, wie sie den Bären und den Feuervogel daran teilhaben lassen konnte.

So begann also ihr Befreiungsweg für die Freunde und anderen Geschöpfe - auf den Flügeln des Feuervogels, mit der Kraft des Bären, in der Anmut der Elfe, mit dem Licht des Wissens aus dem Zauberkristall, welches die Illusionen zerstört, und durch die Vereinigung in der alles verbindenden Liebe.

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