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Ein Sternenmärchen

Es war einmal eine kleine Puppe mit schönen blauen Augen, blondem Haar und einem weißen Kleid. Sie war das Lieblingsspielzeug von zwei lieben Kindern, darum war sie auch bei jedem Spiel dabei. Über die Jahre hinweg reifte in der Puppe auch eine kleine Seele.

An einem sonnigen Nachmitteg waren alle auf einer duftigen Blumenwiese, und die Wärme machte die Kinder schläfrig. Was jedoch bisher noch niemand gewußt hatte, war, daß dieser Platz auch ein Elfenhain war. Darum war es nicht verwunderlich, daß ein neugieriger Elf zur erstaunten Puppe kam, sie von allen Seiten beschnupperte und fragte: "Na, kleine Prinzessin, bist Du es nicht leid, immer nur das zu tun, was Andere wollen, ohne selbst einmal zu bestimmen? Ich kenne eine Fee, die könnte Dir vielleicht helfen; schließlich hat sie einen Pinoccio auch einmal zum Leben erweckt." Erfreut darüber, daß sie endlich jemand hören konnte, quoll die Puppe vor Antworten und Fragen über, sodaß der Elf kaum zu Wort kam. Natürlich wünschte sich die Puppenprinzessin sehr, lebendig zu sein; sie konnte es kaum noch erwarten.

Wie es der Zufall wollte, war die Fee zu Besuch bei der Elfenfamilie, somit war eine große Suche nach ihr hinfällig. Gerne war sie bereit, einen Zauber zu weben, doch die Frage nach dem Namen mußte erst noch geklärt werden. "Alle nennen mich Lydia", meinte die Puppe, doch die Fee war nicht zufrieden: "Das ist der Name, den Dir die Menschen gegeben haben; Du brauchst jedoch Deinen eigenen. Weil wir in dieser schönen Wiese stehen, und Du ein weißes Kleid trägst, heißt Du vorläufig Margerite, bis Du Deinen wahren Namen gefunden hast. Wenn dies geschieht, so rufe ihn dreimal und 'So sei es' in unser Weltall und drehe Dich dabei dreimal rechtsherum im Kreis, und Du wirst ewig leben. Doch hüte Dich, daß Dir niemand Deinen vorläufigen Namen stiehlt, sonst wirst Du immer kraftloser, bis Du tot bist."

Der Abschied von den Kindern fiel Margerite schwer. Aber einige Elfenkinder hatten in der Zwischenzeit eine andere Puppe gebastelt, die ihr sehr ähnlich sah und anstatt ihr zurückbleiben sollte.

Also machte sie sich auf den Weg und lernte bald einige nette Feld- und Waldbewohner kennen, wie die Hasenfamilie Langohr, oder den kleinen Bären Brummi. Eines Tages kam sie in eine verlassene Waldhütte, in welcher sie die Nacht über schlafen wollte. Jedoch als sie erwachte, befand sie sich in einem Käfig, welcher in einer schrecklich stinkenden Küche hing. Auch viele Andere waren eingesperrt und wirkten kraftlos.

Eine Hexe mit krummer Nase sah sie scharf an und fragte: "Na, wie heißt Du dennn mein Kind?" Margerite, die noch die Warnung der Fee im Gedächtnis hatte, antwortete: "Früher hat man mich einmal Lydia gerufen." "Deinen jetzigen Namen will ich wissen! Wie man einst einmal zu Dir sagte ist nicht von Belang!", fuhr sie die Hexe heftig an. Doch Margerite blieb stumm.

Dies wiederholte sich alle Tage, oft sogar mehrmals hintereinander. Die Puppe entdeckte auch, daß ihre Mitgefangenen, die überall im Raum in Käfigen waren, alle ihren Namen nicht mehr wußten und ganz und gar der Hexe gehorchen mußten, ob sie wollten oder nicht.

Eines Nachts, als sie darum bangte, ob sie wohl auch schwach werden würde, fixierte sie dabei einen hellen Stern, den sie durch eine Dachluke sah, und siehe, der Stern wurde immer größer und größer, bis plötzlich vor ihr ein leuchtendes Menschlein stand mit den Worten: "Hallo, ich bin ein Sternreiter und überall zuhause. Dein Problem ist bis zu mir vorgedrungen, Du brauchst es mir nicht zu erzählen. Es gibt eine Möglichkeit, Euch allen zu helfen, siehe, ich gebe Dir einen Zauberschild. Du mußt die Hexe dazu bringen, daß sie Dir ihren Namen verrät. In diesem Augenblick mußt Du ihr den Schild entgegenhalten, sodaß sie sich darin sieht. Doch Vorsicht, Du kannst ihn nur ein einziges Mal benutzen." Gleich darauf war der Sternreiter wieder verschwunden, und der Stern entfernte sich wieder.

Am nächsten Morgen, als die Hexe wieder mit ihrer Fragerei anfing, entgegnete Margerite mit all ihrem Mut, den sie zusammennahm: "Ich gebe keine Antwort an Unbekannte, wie heißt Du selber?" Darauf lachte die Hexe: "Ha, ha, ha, Du frecher Fratz; sobald Du meinen Namen hörst, bist Du tot, und all Deine Energie gehört mir. Weißt Du überhaupt, wie viele schon auf diese Art gestorben sind? Ich glaube, so weit kannst Du nicht einmal zählen."

Ganz theathralisch verkündete die Puppe: "Eher sterbe ich, als Dir zu dienen." Man hörte wieder das Hexenlachen: "Nun denn, wenn Du so sehr auf dieses Spiel versessen bist: ich heiße ..." In diesem Moment hob Margerite den Zauberschild, den sie versteckt hatte, vor ihren Körper. Sie hörte ein Donnern und Poltern, blendende Blitze umtosten sie, und ein Sturm warf sie schließlich um. Als sie wieder sehen konnte, bemerkte sie, daß vom Haus nichts als ein paar Bretter und Ziegel übriggeblieben war, die überall verstreut auf einer Waldlichtung lagen. Ihre ehemaligen Mitgefangenen sah sie in den Wald flüchten und die Wolken aus Gestank emporsteigen. In der Mitte von allem stand ein tiefschwarzer Obelisk, dazu verdammt, ewig dortzustenen, bis endloser Regen ihn fortgewaschen und erlöst hat.

In diesem Augenblick wußte Margerite ihren wahren Namen: Sternrufer. Das Ritual der Fee war bald ausgeführt, und wer weiß, vielleicht sitzt sie morgen neben Dir, um Dir einen Stern zu rufen.

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