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Lysandra

Es war einmal ein kleines Mädchen, Lysandra mit Namen, das hatte Angst zu einer alten Burg zu gehen. Ihr Vater und ihr Großvater, alles alte Bauern, erzählten abends oft schauerliche Geschichten über das Spukschloß, und sogar ihre Brüder wetteiferten, wessen Erzählung schrecklicher sei.

Darum spielte sie viel lieber am Bach mit den schönen Weiden, möglichst weit weg von jenem verwunschenen Ort.
Manchmal traf sie eine Elfe, die in einer der uralten Weiden wohnte, und sie spielten gerne Schmetterlinge, Fische, Vögel oder andere kleine Tiere anzulocken, um sie dann betrachten oder sogar streicheln zu können.

Eines Tages, als sie gerade allein war, setzte sich ein Rabe vor sie hin und krächzte herzzerreißend. Nur leider verstand das kleine Mädchen die Tiersprache nicht, und die Elfe, welche mit Tieren reden konnte, war unauffindbar. Schlußendlich folgte sie dem Raben, der immer ein kleines Stück zu einem Baumast vorausflog und dort weiterkrächzte.

Lysandra wußte gar nicht mehr, wo sie war, weil sie nur selten durch den Wald ging, und auch dann nur auf Wegen. Plötzlich stand sie jedoch vor dem Spukschloß, und ihr stockte der Atem. Der Rabe wollte sie durch das Burgtor locken, aber sie konnte sich einfach nicht von der Stelle rühren.

Der Abend dämmerte bereits, als neben ihr die Elfe auf einem Einhorn aus dem Wald auftauchte. Sie lockte Lysandra auf den breiten Einhornrücken, jedoch bevor sie sich miteinander ausgiebiger unterhalten konnten flog die Elfe auch schon wieder weg.

Das Einhorn fing an, auf das Schloß zuzutraben, und in ihrer Angst klammerte sich Lysandra ganz fest an seinen Hals. Sie bekam gar nicht mit, welche Wege sie durch die Burg nahmen, weil sie ihre Augen geschlossen hielt. Als das Einhorn jedoch stehenblieb blickte sie auf, und sie merkte, daß sie in einem großen Festsaal waren.

Es tanzte viel Staub umher und bildete im Lichte vieler Kerzen immer neue Gestalten, sodaß Lysandra wie gebannt darauf blickte und zu keiner Regung fähig war.
Dann sah sie einen Raben, der mit ständigen Zuckungen verkehrt am Boden lag und offensichtlich schwer verletzt war.

Sie eilte zu ihm hin und entdeckte eine tiefe blutende Wunde an der Brust. Da Lysandra kein Verbandszeug zur Hand hatte riß sie ihren ausgewaschenen Unterrock in Stücke um den Raben zu verbinden. Anschließend hielt sie ihn in ihren Händen, zum einen, um die Heilkräfte anzuregen, zum andern, weil sie ihn gern hatte.

Am nächsten Morgen wurde sie durch ein Krächzen aus einem Halbschlaf gerissen: der Rabe in ihren Händen unterhielt sich bereits mit seinem Kumpan, der sie hierhergelockt hatte. Das Einhorn war inzwischen verschwunden, und auch die beiden Raben verabschiedeten sich dankend.

Nun war Lysandra wieder allein in diesem Spukschloß, und ihre Ängste kamen wieder hervor. In der Morgensonne, die durch die großen Fenster strömte, sahen die Staubgestalten beinahe noch bedrohlicher aus als am Abend. Doch blieb sie diesmal nicht untätig.

Sie öffnete die Fenster und begann mit dem großen Reinemachen. Es dauerte Stunden, bis der Saal endlich sauber war. Anschließend stürzte sie sich auf die anderen Räume und putzte ohne Unterlaß, wenn sie nicht gerade zu müde war und schlief. Sie verspürte noch nicht einmal Hunger während dieser Tätigkeit.

Nach einer Woche war sie fertig und hätte längst nach Hause gehen können, doch war ihr der Ort inzwischen vertraut, und irgendetwas, sie konnte nicht sagen was, hielt sie noch zurück.

Daher streift Lysandra durch die Räume auf der Suche nach etwas Unbestimmtem. Als sie sich einmal gegen einen offenen Kamin lehnte, gab dieser plötzlich nach, und sie stand in einem Geheimgang, der voll Spinnweben war.

Also holte sie wieder ihr Putzzeug, um auch diesen Geheimgang zu säubern. Dabei entdeckte sie auch mehrere andere Geheimzugänge, die in ihn führten. Mit seinen vielen Treppen, Abzweigungen und Winkeln mußte Lysandra ihren Kopf sehr anstrengen, um die Verläufe dieses Ganges im Gedächtnis zu behalten.

Endlich war auch das geschafft, wobei sie bis auf Ebenen hinuntergelangt war, die sogar unterhalb des Burgverließes lagen. Dort fand sie auch drei steinerne Türen, die sich nicht öffnen ließen, sosehr sie sich auch bemühte.

Sie ließ jedoch nicht locker und holte schlußendlich einen großen Hammer, um die erste der drei Türen zu zertrümmert.
War das anstrengend!

Als Lysandra endlich ein Loch geschlagen hatte, das groß genug war, schlüpfte sie mit einer Laterne hinein und entdeckte eine riesige Felsenhöhle mit einem großen See in der Mitte. Eine unheimliche Stille lag über diesem Ort.

Um etwas Leben reinzubringen plantschte sie mit ihren Füßen ein wenig im Wasser herum und betrachtete die schönen Wellenberge, die dabei entstanden. Und der Widerhall in der Höhle verursachte faszinierende Geräusche.

Plötzlich sah sie im Wasser einen dunklen Schatten auf sie zukommen. Erschrocken sprang sie auf und rannte so schnell sie konnte zu ihrem Schlupfloch in der Steintür.

Sie kam gerade noch rechtzeitig durch, wie sie feststellen mußte, denn gleich hinter ihr riß ein riesiger Körper, dessen Kopf durch des Loch nach ihr schnappte, die ganze Steintür aus seiner Verankerung. Und die Wucht dieses Wesens war dermaßen groß, daß sogar die gegenüberliegende, die dritte Steintür eingedrückt wurde.

Jedoch ertönte gleichzeitig auch ein furchtbarer, ohrenbetäubender Schrei.
Wie Lysandra nach vielen Schrecksekunden feststellen konnte hatte das drachenähnliche Geschöpf die Tür zur Schatzkammer eingedrückt, wobei eine der unzähligen automatischen Waffen eine tödliche Verletzung verursachte, indem es das Auge durchdrang.

Als sich schließlich in der Höhle mit dem See ein Stimmengewisper erhob flüchtete Lysandra zur Elfe in der Bachweide und erzählte ihr alles.

Nach ein paar Tagen, in denen sich das Mädchen beruhigen konnte, machten sich die beiden gemeinsam mit dem Einhorn auf den Weg zurück zum Schloß.

Um den Geheimgang wieder freizuräumen, und damit der Gestank nicht überhand nahm, beförderten sie den toten Drachen mithilfe einiger Flaschenzüge und dem starken Einhorn hinauf in den Burggraben. Als sie anschließend auch die Steinbrocken der zerbrochenen Türen hinaufschafften, konnten sie förmlich zusehen, wie der gigantische Drachenkörper in der Sonne zusammenschmolz.

Die Elfe überredete Lysandra, mit ihr dem Gewisper auf die Spur zu gehen. Es lag zwar überall in der Luft, doch am anderen Ende der Felsenhöhle wurde es eindeutig lauter.

Es kam von einem riesigen Knochenberg, der bis in den See hineinragte. Anscheinend waren dies alles Opfer des drachenähnlichen Ungeheuers. Lysandra und die Elfe bedauerten diese armen ehemaligen Menschlein sehr, und sie beschlossen, am Abend eine große Bestattungszeremonie durchzuführen, vielleicht fänden die Opfer dann endlich ihre Ruhe.

Selbst die Elfe konnte aus dem Gewisper nur ein paar Worte verstehen, wie Drache, Schlüssel, Frieden.
Sie eilte, um ihre Verwandten zu holen, damit sie beim abendlichen Ritual mitwirken könnten. Inzwischen bereitete Lysandra den Rosengarten der Burg dafür vor.

Knoxos, der älteste Priester der Elfenfamilie, konnte die gewisperten Worte zwar auch nicht verstehen, aber durch seine Sensibilität erfuhr er, daß sie allesamt bei einem wöchentlichen Opferritual vom Drachen auf grausame Weise getötet worden waren und ihm als seine Gefangenen auf anderen Realitätsebenen dienen mußten. Durch des Drachen Tod waren sie befreit worden und suchten nun nach Frieden.

Es war eine herzerweichende Feuerzeremonie, die sie nach Sonnenuntergang durchführten, bei der auch sehr viele Engel helfend zur Seite standen. Am frühen Morgen war es dann soweit, daß die armen Seelen endlich erlöst waren.

Nach ein paar Stunden Ruhe stiegen Knoxos und Lysandra nochmals in den Geheimgang hinab. Anscheinend hatte er auf irgendeine Weise von einem Schlüssel erfahren, der in der Schatzkammer neben dem Eingang hing. Damit konnte sie die mittlere Steintür im Geheimgang aufschließen.

Lysandra war eigentlich gar nicht erschrocken, als ihr wieder ein Skelett in die Hände fiel. Doch diesmal war auch ein blaues Leuchten vorhanden, und sie konnten die ganze Tragödie vernehmen:

Die Tote war Celia, die jüngste Tochter des Königs Armageddon, welcher sehr machtbesessen war.
Es geschah vor sieben oder acht Jahrhunderten, da verschwor sich dieser König einem Wesen, das später "der Drache" genannt wurde, um unumschränkte Macht, Ehre und Reichtum zu erlangen. Als Gegenleistung mußte jede Woche eine Jungfrau zwischen zwölf und siebzehn Jahren geopfert werden.

Diese wurden meist aus fremden Ländern als Sklaven hergebracht und mußten oft monatelang in einem Verließ ihr Dasein fristen bevor sie schließlich umkamen.

Durch widrige Umstände geschah es einmal, daß keine Jungfrauen für die Opferung zur Hand waren. Von einer treuen Kammerzofe erfuhr jedoch Celia, die damals gerade vierzehn war, daß der König in seinem Machtwahn seine eigene Tochter dem Drachen übergeben wollte. Da ihr noch nicht einmal eine Stunde Frist blieb, fiel ihr nichts anderes ein, als sich in dieser kleinen Kammer zu verstecken, in welcher der Hofzauberer seine geheimen Kultgegenstände und Utensilien untergebracht hatte.
Unglücklicherweise wurde die Tür gleich darauf von außen verschlossen, sodaß sie später nicht mehr hinauskam und verdurstete.

Jedenfalls bekam sie mit, daß der Drache über die fehlende Opfergabe so erzürnt war, daß er den ganzen Hofstaat mit einem Blitzschlag auslöschte. Seitdem geisterten die Königsfamilie und ihre loyalen Anhänger vor allem in Vollmondnächten in der Burg umher, was natürlich allerlei Anlaß für Gerüchte in der umliegenden Dorfbevölkerung gab.

Am Ende ihrer Erzählung zeigte Celia Lysandra noch die Besitzurkunde über die Burg und erklärte sie offiziell als ihre Nachfolgerin und Erbin, dann ging auch sie endlich in die Anderswelt.

Knoxos arbeitete mit einigen Kollegen eine Zeremonie aus, damit selbst die Königsfamilie von ihrem Spukdasein erlöst würde.
Beim nächstfolgenden Vollmond wurde sie erfolgreich durchgeführt.

Und Lysandra?
Nun, vom unermeßlichen Reichtum in der Schatzkammer, der ja ihr gehörte, kaufte sie einen ganzen Gebirgszug, der als Heimat für Elfen und andere von Menschen vertriebenen Wesen dienen sollte.
Seither lebt sie meist in der Burg als Vermittlerin und Botschafterin zwischen den Welten, und durch die vielen Besuche und Lehren von Elfen, Feen und Anderen wird sie immer weiser.

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